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Über den Inntranetz-Autor

Ich bin Autist, Meteorologe, Wanderer und Fotograf, ungefähr in dieser Reihenfolge und alles mit Leib und Seele.

Ich bin kein Mensch mit Autismus, sondern Autist. Der Autismus durchdringt meine Persönlichkeit, manche Fachleute sprechen daher auch von der autistischen Persönlichkeit. Es ist kein lästiges Anhängsel, obwohl man mit Autismus natürlich so seine Herausforderungen in unserer Gesellschaft hat. Autismus heißt, meine Wahrnehmung funktioniert anders. Ich nehme intensiver und detailreicher wahr, ich bin geräuschempfindlicher, ich registrierte Bewegungen im Blickfeld, aber ich erkenne auch Muster und Strukturen leichter wieder. Sie wandern schneller in mein Langzeitgedächtnis, das manchmal zum fotografischen Gedächtnis wird. Ich denke in Bildern, ich gleiche Muster ab. Diese typisch autistische Eigenschaft hat dazu geführt, dass ich das Hobby Meteorologie zu meinem Beruf gemacht habe. Ich bin Wettervorhersager aus Leidenschaft, nicht nur zum reinen Broterwerb. Wetter ist nicht vorbei, wenn ich die Arbeitsstelle verlasse. Wetter gibt es immer und ist vor allem als Wanderer und Bergsteiger sehr wichtig für die vorausschauende Planung und den Plan B.

Meine Detailwahrnehmung hilft mir bei der Interpretation von Wetterkarten, beim Blick über den Tellerrand, bei der Identifizierung von "unwahrscheinlich, aber wenn, dann starker Einfluss"-Wetterlagen. Ich kann mit meinem Bilder/Muster-Denken blitzschnell (in Sekunden) Wetterkarten durchscrollen und im Kopf eine Prognose daraus ableiten. Ebenso kann ich künftige mit vergangenen Wetterlagen aus dem Langzeitgedächtnis heraus abgleichen und ähnliche Vorhersagen treffen - so funktionieren auch statistische Vorhersageverfahren.

Details erkennen heißt auch, mit offenen Augen durch die Welt gehen. Früh morgens bei einer Bergtour schaue ich zum Himmel und suche nach Wolkenanzeichen für einen Wetterumschwung oder Gewittern. Ich achte auf meine Umwelt, sehe und fotografiere Pflanzen und Tiere, zoome auf weit entfernte Gipfel hin, die ich dann erst zuhause bestimme. Der Reiz eines Fotowanderberichts besteht für mich auch darin, die Wanderung drei Mal zu erleben. Vor Ort, zuhause bei der Bildbearbeitung und Recherche von Kultur, Architektur, Botanik und Gipfel am Horizont, und das dritte Mal bei der Lektüre selbst, die beliebig wiederholt werden kann. Im Schnitt sitze ich vier bis sechs Stunden an so einem Bericht, manchmal auch länger. Es ist ein großer Aufwand, den ich gerne betreibe. Für Autisten typisch sind spezielle Interessen, entweder in eng gefassten Teilgebieten oder mit hoher Intensität ausgeübt. Meine Interessen sind Fotografie, Berichte schreiben, Botanik lernen, Tierwelt lernen, Architekturgeschichte und eben Meteorologie. Durch meine Wanderberichte kann ich all diese Interessen miteinander verknüpfen und exzessiv ausleben.

Ich erinnere mich in Bildern und erkenne Steige, Sichtmarken, Wegmarkierungen, Gipfel in Nähe und Ferne sehr schnell wieder, weil ich die Bilder im Kopf gut im Langzeitgedächtnis abspeichern kann.

Man könnte jetzt sagen, es sei mutig oder dumm, sich so zu outen, daraus könnnten mir Nachteile entstehen. Ja, das ist mir bewusst. Andererseits pflege ich aus mehreren Gründen einen offenen Umgang mit meinem autistischen Sein, das offiziell als Behinderung zählt, aber mit der eben Stärken und Schwächen mit auf den Weg gegeben werden. Im Job bin ich ohnehin geoutet, der Freundeskreis weiß Bescheid, die Familie sowieso. Vor den Kopf stoßen kann das niemand mehr. Gerade in Deutschland und Österreich wird über das Thema Behinderung und Psyche leider ein großer Schweigeteppich gelegt. Es kann sich nur etwas ändern, wenn man als Betroffener offen darüber spricht, aufklärt und Vorurteile, aber auch Berührungsängste abbaut. Gleichzeitig möchte ich anderen Betroffenen ein Vorbild sein, ich möchte sie sichtbar machen in einer Gesellschaft voller Tabus. Der letzte Punkt, weswegen ich mich hier überhaupt auf den Präsentierteller begebe: Mein Werdegang soll zeigen, dass man auch trotz ungünstiger Ausgangsbedingungen und medizinischer Diagnosen seinen Weg gehen kann und dabei sehr weit kommt, gegen alle inneren und äußeren Widerstände. Das heißt nicht, dass es jeder schaffen kann, dieser Anspruch wäre arrogant. Aber es kann jede*r seine persönlichen Erfolge, seine/ihre winzigen Fortschritte erreichen, indem er/sie sich nicht von außen Grenzen setzen lässt, sondern seine/ihre Grenzen selbst setzt.

So kann auch ein Autist mit Wandergruppen unterwegs sein oder Wandergruppen führen. Gute Vorbereitung ist alles. So kann auch ein Autist auf Hütten übernachten, mit Gehörschutz, mit frühem Schlafen gehen, wenn das Lager noch leer ist, sich nicht bewusst dem Stubenlärm aussetzen, sondern öfter nach draußen gehen. So kann ich als Autist selbständig viele Touren unternehmen, wieder unter der Voraussetzung einer akribischen Planung und guter Orientierung. Dann kann ich das Alleinsein genießen. Es wäre aber ein Trugschluss zu glauben, ich möchte nur alleine sein. Ich schätze die gemeinsamen Wanderungen ebenso, das gemeinsame Erleben, die Gespräche, auch die Unterstützung, leichter mit Fremden in Kontakt treten zu können, indem der Begleiter den ersten Schritt macht.

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