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Über den Inntranetz-Autor

Vorwort

Wer ist so verrückt und schreibt 450 Wanderberichte (2004-2018) mit einem durchschnittlichen Aufwand von 3 bis 5 Stunden, einschließlich Bildbearbeitung, Gipfel-, Pflanzen- und Tierbestimmung, kulturelle und architektonische Höhepunkte sowie Text? Warum gibt es auf inntranetz.at keine Bildgalerien wie auf anderen Seiten, mit einem Einzeiler hier und da als Untertitel? Im Bericht vom 03. März 2018 über eine geführte Schneeschuhtour in Hinterwildalpen ließ der Autor eher beiläufig eine Bombe platzen: "Seit wenigen Jahren weiß ich von meinem Asperger-Syndrom - mich als Neuer in einer (großen) Gruppe zurechtzufinden ist für mich daher immer eine gewisse Herausforderung. Ich mache es trotzdem, weil man hier mit Gleichgesinnten unterwegs ist, und das finde ich immer wieder schön und anregend. Die einsamen Touren im restlichen Jahr sind mir für Ruhe und Ausgleich aber ebenso wichtig, weil ich nur so meine Energiespeicher wieder auffüllen kann. Fragen sind ausdrücklich erwünscht."

Na bumm! So mancher Mitwanderer zeigte sich mächtig überrascht und hätte bei mir niemals Asperger (Autismus) vermutet. Ich kommunizierte scheinbar normal, hielt mich in größeren Gruppen (Maximum: 20 Teilnehmer) auf, hatte Humor und war bisweilen sarkastisch bis ironisch. Ich erzählte davon, wie ich von daheim auszog, um zu studieren, das Studium mit der Diplomarbeit abschloss und anschließend in Wien bei einem privaten Wetterdienst Vollzeit im Schichtdienst arbeitete. Wie passt das zum Autismus mit stummen, schaukelnden Kindern, die Zahnstocher zählen, aber geistig behindert sind? Konnte das wirklich stimmen? Nein!

Ich bin Autist, aber kein "Rain-Man"!"

Es kursieren weiterhin zahlreiche Vorurteile und veraltete Vorstellungen dessen, was Autismus ist. Nicht nur die Bevölkerung, auch der Großteil des medizinischen Personals glaubt, zwischen Autismus und Asperger trennen zu müssen, als handle es sich um zwei völlig verschiedene Krankheitsbilder. Dabei ist der Begriff Krankheitsbild strenggenommen nicht korrekt und wird von manchem Betroffenen auch übel genommen. Autismus ist keine Krankheit und auch nicht heilbar. Nach dem international angesehenen Autismus-Fachmann Tony Attwood handelt es sich um keine Diagnose einer Krankheit/Störung, sondern wird Autismus vielmehr "entdeckt" - wertungsfrei formuliert. Autismus durchdringt die Persönlichkeit von der Geburt bis zum Tod. Die typischen Charakteristiken von Autismus bleiben lebenslang vorhanden, sind aber bei jedem Betroffenen anders ausgeprägt, mit anderen Schwerpunkten und unterschiedlicher Funktionalität im Alltag. Aus diesem Grund trennt man nicht mehr in die vermeintlich mildere Form Asperger und den klassischen Autismus, sondern fasst alle Formen unter dem Oberbegriff Autismus-Spektrum zusammen. Mild fühlt sich der Autismus für Asperger-Autisten nie an, denn weil sie äußerlich oft unauffällig erscheinen und scheinbar normal kommunizieren und interagieren, ist ihnen ein hoher Erwartungsdruck auferlegt. Wer sich normal verhält, muss auch die gleiche Leistung liefern wie Normale. Weil unauffällige Autisten diesem Leistungsdruck häufig nicht gerecht werden können bzw. die Quittung des normalen Verhaltens chronischer Stress und Erschöpfung sind, entwickeln viele Betroffene Depressionen und Angsterkrankungen. Nicht wenige Asperger-Autisten erhalten daher relativ spät im Leben eine Diagnose, meist mit 30 oder 40 Jahren, manchmal sogar noch später.

Die Diagnose Asperger wird erst seit 1993 vergeben und wird mit dem neuesten Handbuch für psychiatrische Diagnosen (DSM-V in den USA bzw. ICD-11 in Europa) wieder abgeschafft bzw. mit dem klassischen Autismus zum Autismus-Spektrum vereint. Zu den Kernsymptomen zählen Störungen der Kommunikation und Interaktion sowie eine andere Wahrnehmungsverarbeitung, häufig einhergehend mit einer Reizfilterschwäche. Entgegen vieler Klischees ist die affektive Empathie nicht betroffen. Autisten sind im Gegenteil sogar oft hochempathisch bis hochsensibel, zeigen dies aber mitunter anders als Durchschnittsmenschen. Die Ausprägung der einzelnen Symptome kann so unterschiedlich sein, dass der eine Autist gerne telefoniert, der andere gar nicht, der eine kann in einem Großraumbüro (Callcenter) arbeiten, der andere gar nicht, der eine ist extrem geräuschempfindlich, der andere gar nicht, der eine kann wegen grobmotorischer Schwierigkeiten nicht radfahren, der andere schon, usw. Kennt man einen Autisten, kennt man genau diesen Autisten. Viele Betroffene leiden darunter, dass man ihnen die Diagnose nicht abnimmt, weil es im Bekannten- oder Verwandtenkreis einen Autisten gibt, der ganz anders ist, der vielleicht stärker auffällig ist, rund um die Uhr betreut werden muss und zusätzlich eine geistige Behinderung hat. Dann kommt da jemand daher, der sich gewählt ausdrückt, Blickkontakt halten kann und einen Vollzeitjob hat. Das ergibt ein befremdliches Bild, aber eben deswegen, weil so wenig darüber bekannt ist, wie bunt gefächert das autistische Spektrum ist.

Wenn ich ahnungslosen Mitmenschen Literatur über Autismus empfehlen soll, nenne ich meist zwei Werke: "Gee Vero – Autismus – (m)eine andere Wahrnehmung. FeedARead.com Publishing, 2014" sowie "Ludger Tebartz Van Elst, Autismus und ADHS. Zwischen Normvariante, Persönlichkeitsstörung und Neuropsychiatrischer Krankheit, Kohlhammer, 2016". Ersteres ist von einer autistischen Künstlerin und Mutter eines frühkindlichen Autisten geschrieben, letzteres von einem in Fachkreisen geschätzten und versierten Experten. Sehr gut ist außerdem die anekdotische Aufzählung autistischer Berufsbiographien in "Kohl, Seng, Gatti – Typisch untypisch. Berufsbiografien von Asperger-Autisten. Individuelle Wege und Erfahrungen, Kohlhammer, 2017" sowie "Temple Grandin and Richard Panek – The Autistic Brain. Exploring the strength of a different kind of mind, 2013", von der autistischen Viehzuchtforscherin Temple Grandin verfasst, bei der neurologische Untersuchungen ihr phänomenales visuelles Gedächtnis bewiesen haben.

Wir leben (noch) in einer offenen Gesellschaft, doch sind psychische Themen immer noch ein großes Tabu. Derzeit erleben wir wieder eine Phase des Rückschritts, in der Menschen mit Behinderungen stigmatisiert und diskriminiert werden. Die Leistung gesunder Menschen und die Infragestellung wirtschaftlicher Notwendigkeit für Unterstützung und Hilfsmittel stehen im Vordergrund. In so einem politischen Umfeld fällt es mir sehr schwer, offen über meinen (Asperger-) Autismus zu sprechen.

Ich glaube aber, dass ich als priviligierter Betroffener diese Chance nutzen muss. "Jetzt erst Recht!" könnte man sagen, oder: "Ich habe nur dieses eine Leben."

In der Folge möchte ich meinen Autismus beschreiben, denn ich kann nicht für andere Autisten sprechen, sondern nur für mich: Meine Wahrnehmung funktioniert anders als die des Durchschnittsmenschen. Ich nehme intensiver und detailreicher wahr, bin geräuschempfindlicher, registriere eher Bewegungen im Blickfeld und erkenne Muster und Strukturen. Sie wandern rascher ins Langzeitgedächtnis, das manchmal zum fotografischen Gedächtnis wird. Bilder sind für mich extrem wichtig. Ich denke in Bildern, gleiche Muster ab. Diese durchaus typisch autistische Eigenschaft hat dazu geführt, dass ich mein Hobby Meteorologie zum Beruf gemacht habe. Wettervorhersager aus Leidenschaft, nicht nur zum Broterwerb. Mein Interesse ist nicht vorbei, wenn ich die Dienststelle verlasse. Wetter gibt es immer und ist für mich als Wanderer, Bergsteiger und Fotograf immer wichtig.

Meine Detailwahrnehmung hilft mir bei der Interpretation von Wetterkarten, beim Blick über den Tellerrand, bei der Identifizierung von "unwahrscheinlich, aber wenn, dann starker Einfluss"-Wetterlagen. Ich kann mit meinem Bilder/Muster-Denken blitzschnell (in Sekunden) Wetterkarten durchscrollen und im Kopf eine Prognose daraus ableiten. Ebenso kann ich künftige mit vergangenen Wetterlagen aus dem Langzeitgedächtnis heraus abgleichen und ähnliche Vorhersagen treffen - so funktionieren auch statistische Vorhersageverfahren.

Details erkennen heißt auch, mit offenen Augen durch die Welt gehen. Früh morgens bei einer Bergtour schaue ich zum Himmel und suche nach Wolkenanzeichen für einen Wetterumschwung oder Gewittern. Ich achte auf meine Umwelt, sehe und fotografiere Pflanzen und Tiere, zoome auf weit entfernte Gipfel hin, die ich dann erst zuhause bestimme. Der Reiz eines Fotowanderberichts besteht für mich auch darin, die Wanderung drei Mal zu erleben. Vor Ort, zuhause bei der Bildbearbeitung und Recherche von Kultur, Architektur, Botanik und Gipfel am Horizont, und das dritte Mal bei der Lektüre selbst, die beliebig wiederholt werden kann. Im Schnitt sitze ich vier bis sechs Stunden an so einem Bericht, manchmal auch länger. Es ist ein großer Aufwand, den ich gerne betreibe. Für Autisten typisch sind spezielle Interessen, entweder in eng gefassten Teilgebieten oder mit hoher Intensität ausgeübt. Meine Interessen sind Fotografie, Berichte schreiben, Botanik lernen, Tierwelt lernen, Architekturgeschichte und eben Meteorologie. Durch meine Wanderberichte kann ich all diese Interessen miteinander verknüpfen und exzessiv ausleben.

Ich erinnere mich in Bildern und erkenne Steige, Sichtmarken, Wegmarkierungen, Gipfel in Nähe und Ferne sehr schnell wieder, weil ich die Bilder im Kopf gut im Langzeitgedächtnis abspeichern kann.

Man könnte jetzt sagen, es wäre mutig oder dumm, sich so zu outen, daraus könnten mir Nachteile entstehen. Ja, das ist mir bewusst. Andererseits pflege ich aus mehreren Gründen einen offenen Umgang mit meinem autistischen Sein, das offiziell als Behinderung zählt, aber mit der eben Stärken und Schwächen mit auf den Weg gegeben werden. Im Job bin ich ohnehin geoutet, der Freundeskreis weiß Bescheid, die Familie sowieso. Gleichzeitig möchte ich anderen Betroffenen ein Vorbild sein. Mein Werdegang soll zeigen, dass man auch trotz ungünstiger Ausgangsbedingungen und medizinischer Diagnosen seinen Weg gehen kann und dabei sehr weit kommt, gegen alle inneren und äußeren Widerstände. Das heißt nicht, dass es jeder schaffen kann, dieser Anspruch wäre arrogant. Aber es kann jede*r seine persönlichen Erfolge, seine/ihre winzigen Fortschritte erreichen, indem er/sie sich nicht von außen Grenzen setzen lässt, sondern seine/ihre Grenzen selbst setzt.

Salzburg, 16.01.2019

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