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29.09.-06.10.2018 Geführte Tour durch die Hohe Tatra, Tag 4 (03.10.)

Eckdaten:

  • Wegführung: Bilikova chata (1255m, 7.50) - Sliezky dom (1670m, 10.40-12.10) - Batizovské pleso (1884m, 13.40) - Sedlo pod Ostrvou (1966m, 15.40) - Chata pri Popradske Pleso (1494m)(16.55)
  • Länge: 15,9 km
  • Höhenmeter (Aufstieg): 900 hm
  • Gehzeit Gesamt (inkl. Fotografierpausen): 7,5 Std.

Der einzige Tag, den ich in meiner Wetterprognose trockener und wärmer gesehen hätte. Am Tag vor dem Aufstieg zur ersten Hütte hatten sich die Prognosen allerdings verschlechtert, zum Sturm wurde Niederschlag gerechnet. Letzendlich empfand ich das Wetter unterwegs nicht als so schlimm wie befürchtet, den Sturm gab es nur in den Talkesseln, zwischendurch überwogen die windschwachen Phasen.

Wie im vorherigen Beitrag erläutert, sorgte das rasch näherkommende Sturmtief davor, dass das Tief, welches den Wintereinbruch verursachte, rasch ostwärts abzog. Um die Mittagszeit (14.00 Uhr) zeigte der Wetterballonaufstieg vom südöstlich des Tatranska Magistrale (Höhenweg) gelegenen Flughafen Poprad die Nullgradgrenze bei ca. 1700m, die Windgeschwindigkeiten lagen bei 50kt (90 km/h) in 2700m und um 40kt (70 km/h) in 1800m aus Nordwest. Diese Werte wurden von den erlebten Windgeschwindigkeiten beim Sliezky dom und am Batizovské pleso deutlich übertroffen. Zum Einen liegt der Flughafen deutlich abseits vom Gebirge und damit von den kräftigen Fallwinden (Föhn bzw. Halny) entfernt, zum Anderen wird der Nordwestwind in den engen, tief eingeschnittenen Talkesseln perfekt kanalisiert und dadurch beschleunigt. Auch bei dem verheerenden Orkan vom 19. November 2004 hatte die Lomnitzer Spitze "nur" Spitzenböen um 170km/h, was alleine nicht ausreicht, um flächendeckend einen Wald umzulegen.

Bild 1: Blick in der Früh (6.45 Uhr) von der Bilikova Chata nach Südosten .

Links die Zwischenstation der Seilbahn auf die Lomnitzer Spitze. Sie wird Start genannt, benannt nach dem Start der alten Naturbobbahn in der Nähe. Im Tal wabern Nebelschwaden von den kräftigen Regenfällen am Vortag. Auch wenn es die Wolken nicht vermuten lassen, wehte im Tal um Poprad die ganze Nacht schon kräftiger Westwind mit zeitweise über 30 km/h im Mittel.

Bild 2: Davon war beim Abmarsch noch nichts zu spüren, als wir beim Hotel Hrebienok vorbeigingen.

Bild 3: Gebildete Bären.

Bild 4: Die ersten Meter waren noch schneefrei, die Sonne kämpfte sich sogar durch die Wolken.

Wind war hier weiterhin keiner zu spüren, so entzwiebelten sich die meisten von uns wieder.

Bild 5: 14 Jahre nach dem Orkan erholt sich der Wald langsam wieder.

Bild 6: Etwa auf halber Strecke wandelte sich der Wegzustand deutlich, als wir die 1400m-Höhenschichtlinie überschritten.

Wenige Zentimeter Neuschnee gestalteten die Platten und Blöcke teilweise rutschig und vorsichtiges Gehen war angesagt.

Bild 7: Ein endloses Latschenmeer.

Bild 8: Etwa in Höhe Slavkoské plieska (1650m), gegenüber die Kvetnicová veza (2433m), davor im Taleinschnitt liegt der Velické pleso (1666m) mit dem Sliezsky dom.

Bis hierhin trugen die Latschen schwer vom nassen Neuschnee und hingen teilweise in den Weg hinein. Über uns sah man anhand der Wolkenbewegungen schon den starken Nordwestwind auffrischen.

Bild 9: Dann wurde der bereits neuerlich ausgeschnittene Wegabschnitt erreicht, gleichzeitig frischte der Nordwestwind stark auf.

Rechts vom Kvetnicová veza ist kurzzeitig die Gerlachovský stít (2655m) zu sehen, der höchste Gipfel der Hohen Tatra, der Slowakei und des gesamten Karpatenbogens.

Grund für den Wechsel von Windstille auf Sturm war die Orientierung des Höhenwegs am Hang bzw. die Nähe zum Velicá dolina. Zudem entstanden in der labilen Kaltluft an der Rückseite des Sturmtiefs Schauerwolken über der Hohen Tatra, was den Höhenwind mit dem Niederschlag zum Boden transportierte.

Bild 10: Als wir dem Berghotel näher kommen, wird der Wind immer stärker.

Der Hoteleingang liegt an der Ostseite, genau im Windkanal, die letzten Meter wurde man beim Gehen schon spürbar versetzt. Windböen geschätzt über 90 km/h. Der Kontrast zwischen den Naturgewalten draußen und der Luxusatmosphäre mit gepolsterten Sesseln, piekfeinen Kellnern und Restaurantbetrieb innen war fast surreal. Die erste Hütte am Velické pleso wurde 1871 an der Nordostseite des Sees gebaut und fiel zwei Jahre später einer Lawine zum Opfer. 1895 wurde eine zweite Hütte gebaut und 1908 und 1943 erweitert, brannte aber 1962 ab. An seiner Stelle wurde das jetzige Vier-Sterne-Berghotel gebaut, das höchste Hotel in der Slowakei. Seit dem Umbau im Jahr 2010 zeigt es das jetzige Erscheinungsbild mit Wellness-Dienstleistungen.

Das Hotelrestaurant bot jedenfalls vorzügliche Speisen, nobel präsentiert, der Küchenchef Lubomír Herko scheint überregional bekannt. Dort blieben wir gut anderthalb Stunden, um uns aufzuwärmen. Es sollte wind- und wetterbedingt die einzige längere Pause bleiben.

Bild 11: Um die Mittagszeit hatte der Sturm nur kurz nachgelassen.

Der Velické pleso, dahinter ein Wasserfall, hinter der Steilstufe befindet sich noch ein weiter, winziger See (Dlhé pleso) vor dem Pass (Pol'ský hreben). Das gesamte Velicá dolina misst 6km Länge. Der entwässernde Bach fließt im oberen Talabschnitt teilweise unterirdisch und kommt erst vor dem Wasserfall an die Oberfläche. Rechts zu sehen sind die steilen Westwände des Vel'ká Granátová (2318m).

Bild 12: Rückblick zum zurückgelegten Höhenweg, gegenüber der Slakovský stít (2432m).

Bild 13: Das nächste Etappenziel ist das Batizovksá dolina mit dem Batizovksé pleso (1884m), mit dem Koncistá (2538m) in Wolken links und Kotol (2367m) rechts.

Bild 14: Unmittelbar vor der Gletscherstufe erreicht der Wind erneut Sturmstärke, gleichzeitig geht ein Schneeschauer nieder.

Bild 15: Stürmische See.

Bild 16: Die Ostwand des Koncistá.

Bild 17: Blick in den Talkessel, mittig hinten der Kostolík (2262m).

Zu diesem Zeitpunkt erreichte der Wind Sturmstärke, subjektiv die stärksten Winde der gesamten Wanderung, geschätzt über 100 km/h.

Bild 18: Gegenüber sieht man schon die Fortsetzung des Höhenwegs.

Zuvor war aber noch der windexponierte Blockgürtel am Südrand des Sees zu überwinden.

Bild 19: Richtung Talboden schien die Sonne, über der Niederen Tatra hingen flache Schnee- und Graupelschauer.

Bild 20: Winter und Herbst in einem Bild.

Für uns immer wieder beeindruckend die geringe Zersiedelung in dem weiten Talbecken.

Bild 21: Der Weiterweg versprach schon das nächste drohende Unheil mit tiefhängenden Schauerwolken.

Bild 22: Auch bei der Durchschreitung des Stolska dolina frischte der Wind wieder auf, aber nicht mehr so stark wie davor.

Bild 23: Rückblick: Mittig das Slowakische Erzgebirge in ca. 60km Entfernung.

Bild 24: Ausblick: Schneeverwehungen am Weg, teilweise zu Eis hartgepresst.

Die letzte Querung auf über 2000m Höhe unterhalb des Tupá (2285m) hätte bei mehr Neuschnee heikel sein können wegen Lawinengefahr (Stufe 2 laut slowakwischem Lawinenwarndienst). Dafür lag aber zum Glück viel zu wenig.

Bild 25: Das vorletzte Etappenziel in Sichtweite: Der Sedlo pod Ostrvou (1966m), links mit dem Ostrva (1984m).

Gegenüber Patria (2203m) und Malá Basta (2288m). Dazwischen liegt unser Ziel, die Chata pri Popradske plese (1494m).

Bild 26: Im Süden wieder großflächige Sturmschäden, hinten die längliche Ortschaft Stit an der Bahnstrecke, dahinter der Höhenzug des Smolnik (995m).

Bild 27: Nur noch wenige Meter zum Sattel mit dem Gipfel dahinter, den wir windbedingt ausließen.

Über den Gipfeln senkt sich die Wolkendecke wieder, der kräftigste Schneeschauer des Tages naht schon.

Bild 28: Zuvor dürfen wir aber noch einen weiten Blick in den Talkessel werfen:

Links die Verlängerung des Mengusovska dolina mit dem Velké Hincovo pleso am Talschluss, unser Ersatzziel für den Rysy am Folgetag. Zum Rysy wäre es hinter dem Velká kopka (2354m) in Bildmitte gegangen, dessen Felsriegel (Propradsky hreben) sich steil nach Süden schiebt. Rechts das Zlomisková ková dolina, das sich in drei Zweige mit dem Dracie pleso, Rumanovy pleso und L'adové pleso aufteilt. Gegenüber rechts der Vysoká (2337m), dahinter stünde der Rysy.

Bild 29: Abstieg hinter dem Sattel zur schon (noch) sichtbaren Hütte.

Insgesamt 28 Kehren führen in den Kessel hinab. Von hier oben würde man nicht vermuten, dass trotz des extrem steilen Geländes ein so bequemer Steig angelegt wäre. Die Kehren sind großteils sehr flach und entsprechend auch bei diesen Witterungsbedingungen gut zu gehen.

Bild 30: Minuten vor dem einsetzenden Schneeschauer.

Bild 31: Dann fängt es stark zu schneien und graupeln an.

Bei dichtem Schneetreiben war der Weg zwischenzeitlich kaum noch zu sehen, alles eine homogene weiße Masse.

Bild 32: Verwehungen.

Dem Untergrund nach zu urteilen war die Schneedecke kein Nachteil, angenehmer zu begehen als loses Geröll oder grobe Steine.

Bild 33: Der Schneeschauer zieht langsam ab, im Hintergrund zeigen Schneefahnen die nächsten kräftigen Windböen an.

Am 20. Jänner 1974 ereignete sich eine große Lawine, die bis zur Hütte reichte und dabei eine Schulklasse verschüttete.

Bild 34: Blick ins Zlomisková ková dolina, dahinter mächtige Quellwolken des nächsten Schneeschauers.

Bild 35: Karl wartet schon mit einer guten und schlechten Nachricht.

Die gute Nachricht war, dass der unerfahrene Hannoveraner, der vorher noch nie wandern war, mit seinem slowakischen Kollegen wohlbehalten in der Hütte angekommen ist. Wir hatten ihn am ersten Tag auf der Chata pri zelenese getroffen, er war seilgesichert im Steilgelände über den Baranie sedlo zur Téryho chata geführt worden. Unvernünftig und fahrlässig in aller Augen. Tags darauf sahen wir einen Rettungshubschrauber mehrmals ins Tal hineinfliegen, auf der Seite des slowakischen Lawinenwarndiensts war von einem verunglückten deutschen Touristen die Rede. Ich fürchtete schon das Schlimmste. Zu Unrecht glücklicherweise.

"Die schlechte Nachricht is: Es is a Krachmusik drinnen!"

Wie sich später zu meiner Erleichterung und sogar zur großen Überraschung herausstellte, spielten sie sogar Rock und Grunge auf der Hütte, auch einzelne Metal-Klänge dazwischen. Solltet ihr noch eine Berghütte kennen, die am Abend ein ganzes Nirvana-Album rauf und runterspielt, lasst es mich bitte wissen!

Bild 36: Rückblick zur abgestiegenen Rinne am Sattel, ein Meisterwerk an Steiganlage.

Während wir zu Abend aßen, ging schon der nächste kräftige Schneeschauer nieder. Am ersten Abend blieb es relativ ruhig, ehe am zweiten Abend eine Schulklasse ankam. Die Essensauswahl war großzügig, ich aß Hühnerschnitzel mit Pommes und Salat, am nächsten Tag Hirschgulasch mit Böhmischen Knödeln.

Untergebracht waren wir in Vierbettzimmern, mit Dusche und WC im Zimmer. Sogar frische Bettbezüge, Hüttenschlafsäcke vermeintlich nicht notwendig. Den Wanzenbefall auf meinem Bett entdeckte ich leider zu spät, die Stichwunden sind ein kleines juckendes Andenken daran. Künftig also immer den Schlafsack benutzen ist sicher klüger.

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